GADDAFI - EIN BITTERER NACHRUF

Schachfigur moderner Kolonialpolitik

Wer den sogenannten Freiheitskampf der Rebellen gegen das Gaddafi - Regime begrüßt sollte wenigstens mal eine Minute innehalten und etwas tun, was zugegebenermaßen den meisten Medien - Konsumenten schlicht unmöglich ist: Das Hirn nutzen. In Libyen haben wir es nicht mit einem „Land" zu tun, dessen Bevölkerung, wie einst in der „DDR" um seine Befreiung ringt. Sondern mit einem Gelände, dessen Grenzen vor einigen Generationen von Kolonialmächten mit dem Lineal gezogen wurden. Innerhalb dieser Grenzen hausen bis heute die selben Stämme. Jederzeit bereit den anderen zu unterjochen, zu plündern oder gar auszurotten. Das ist die einzige Form von „Regierungswechsel" die dort bekannt ist. Genau so ist Gaddafi selbst an die Macht gelangt und genau so soll er jetzt wieder beseitigt werden.

"Wahlen" auf arabisch - Sadat Attentat, der landestypische Regierungswechsel

Der exentrische Oberst macht es dem „mündigen" Durchschnittsbürger möglicherweise schwer ihn etwas lieb zu haben, aber einige Kleinigkeiten sollte man doch zur Kenntnis nehmen. In einer Region, in der Frauen wie Nutzvieh gehalten werden, hat er Schleier und Kopftuch an den Nagel gehängt und ihren Trägerinnen Zugang zu Bildung und Karriere eröffnet. Lehrerinnen, Ärztinnen, Anwältinnen sind in Libyen keine Exotinnen, sondern Alltag. Nach europäischen Maßstäben lebten im Machtbereich des Obersten vor noch 50 Jahren nur „wilde Analphabeten". Heute beherrschen die meisten von ihnen ihre Sprache in Wort und Schrift besser als viele sogenannte Deutsche. Hunger und Elend in Libyen? Verglichen mit den meisten anderen afrikanischen Ländern - Fehlanzeige. Unterdrückung und Folter in Libyen? Na sicher. Aber in genau dem von allen westlichen, ölsaufenden Kulturnationen akzeptiertem Bereich. Gaddafi leidet nicht unter mehr Realitätsverlust, als vergleichbare Spitzenpolitiker des demokratischen Westens. Seit 40 Jahren (in Worten „vierzig") wird der schrille Oberst von seiner westlichen Kundschaft hofiert und empfangen. Daran änderte auch der Anschlag auf den Pan-Am Flug 103 über dem schottischen Lockerbie nichts. Zu dem sich Gaddafi später übrigens bekannt - und die Terroristen ausgeliefert hat. Kein „zivilisierter" Präsident hat je zugegeben: Ja, wir haben die „USS Maine" selbst in die Luft gesprengt um den Spaniern Kuba und Puerto Rico abknöpfen zu können - Ja, wir haben die Lusitania mit Sprengstoff vollgestopft und den deutschen U - Booten vor die Nase geschoben, damit wir am Weltkrieg mitverdienen können - Ja, wir haben die Bombardierung von Pearl Harbor provoziert, damit wir auch am nächsten Weltkrieg mitverdienen können - Ja, wir haben die hässlichen Zwillings- türme in New York selbst gesprengt, damit wir am Krieg gegen den Terrorismus auch noch verdienen können....aber lassen wir das.

Kriegsgrund nach Art des (weißen) Hauses, Sprengung der USS Main 1898

Bleibt festzustellen: Gaddafi führt keinen Krieg gegen „sein Volk". Der Vorwurf ist für den Fernsehpöbel konzipiert. Zahlen über den Anteil der Aufständischen an der libyschen Bevölkerung werden nie genannt. Immerhin führen die auch Krieg gegen „ihr Volk", das scheint aber nicht so wichtig zu sein. Im Gegenteil. Dieser Krieg gegen das eigene Volk wird tatkräftig unterstützt. Jetzt, wo der globale Traum vom fröhlichen Atomzeitalter in Japan zu zerplatzen droht, wird rasch entschlossen um die Kontrolle der letzten paar Ölfässer gekämpft. Um nichts Anderes geht es, wenn Präsident „Sackgesicht" von Paris aus den blutigen Ball um die Tankstelle Libyen so plötzlich eröffnet. Für den durstigen Kraftfahrer, an der „demokratisch - europäischen" Zapfsäule werden in bewährter Weise zerstückelte, knopfäugige Kinderchen vorgeführt. Alles Opfer vom bösen Onkel Oberst, der kein anderes Verbrechen begangen hat, als die Kontrolle über seine ölhaltige Immobilie zu verlieren.

Kriegsgrund nach Art des (weißen) Hauses, Kernsanierung in Manhatten Süd

Die Opfer auf der anderen Seite jucken nicht. Jedenfalls nicht die, die auch in Zukunft volltanken wollen. „Ich kann nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte," möchte man Max Liebermann zitieren, wenn man auf diese "Befreiungsaktion" blickt. Es wäre schon fast ein Stück Komik, wenn diese Aktion so „prächtig glücken" würde wie im Iran, wo ein handelsüblicher, orientalischer Herrscher von einem geisteskranken Kettensägenmörder abgelöst wurde. Ein Übel, das übrigens auch aus Paris geschickt war und unter dessen Nachfolgern die sogenannte freie Welt bis heute ächzt. Ein reformierter Schah wäre für alle Beteiligten so nützlich und bequem gewesen wie jetzt ein reformierter Oberst in Libyen.

Präsident Sackgesicht - die Vernunft im Würgegriff - Idioten bei der Arbeit

Aber dazu fehlt es den gewaltverliebten „Freiheits- kämpfern" leider an Verstand. Und, was noch viel tragischer ist, die Pisakrüppel haben es in Europa schon bis hinauf in die Spitze geschafft, wie man an Präsident Sackgesicht sehr schön erkennen kann. Den sehr Wenigen, die sich solche Zusammenhänge vergegenwärtigen, sitzt dann mitunter doch ein Kloß im Hals wenn sie ausrufen: „Volltanken bitte!" Der Herr Oberst und seine Familie haben jedenfalls soviel Anspruch auf Asyl und Immunität wie all die anderen merkwürdigen Figuren, mit denen unsere Spaßgesellschaft so gerne Geschäfte macht und denen wir so viel verdanken. Die Kinder Gaddafi´s sind warscheinlich ohnehin schon auf Ibiza eingetroffen, für den Alten reicht die Sonne hier auch noch aus.