PETER SCHOLL-LATOUR IST TOT

PETER SCHOLL-LATOUR IST TOT

Es wird ziemlich viel und schmerzhaft gestorben im Augenblick. Lauren Bacall hat sich aufgemacht, ihrem einzig geliebten Humphrey Bogart endlich Gesell- schaft zu leisten und das tragische Ende des nachdenklichen Robin Williams, den alle für einen Spaßvogel hielten, hat ein Loch in viele Gemüter gerissen. Ein Loch, das bleiben wird. Als würde das nicht reichen, fällt nun auch noch ein wares Monument von einem Mann. Ein tatsächlich katastrophaler Verlust, den, wie immer, nur die Deutschen, nicht voll überreißen werden. Und obwohl dieser Herr 90 Jahre erreichte und fast bis zur letzten Minute im Einsatz war, trifft uns der Schlag. Weil wir gerade jetzt, gerade diesen Herrn noch einmal 90 Jahre dringend benötigten. Peter Scholl – Latour ist tot.

PETER SCHOLL-LATOUR IN CHINA

Bekannt war er als ewig reisender, fast rasender, Kriegsreporter, sogar Fall- schirmjäger, dessen Augen die Welt, besonders die islamische und fernöstliche, gesehen hatten. Das hatten freilich viele. Scholl-Latours Augen aber sahen nicht nur, sie erkannten auch und verstanden was da vor sich geht. Er war nicht der Mann der irgendwie über das „Mysterium Islam“ berichtete, sondern schließlich ein Teil dieses Mysteriums wurde. Ganz auf Augenhöhe mit Männern wie Genaral Gordon oder Oberst Thomas Edward Lawrence, dem „Lawrence von Arabien“. Niemand sonst hat sich über drei Generationen hinweg eine solche Nähe, solches Vertrauen und solchen Respekt bei den Menschen in der Region erworben.

GENERAL GORDON - DER "CHINA GORDON"

Und das als bekennender Katholik (und Preuße!). Wo andere Figuren unerwünscht, nur geduldet waren oder durch bloßes Erscheinen ihr Leben riskierten, war Peter Scholl – Latour nicht nur zugelassen, sondern gar willkommen. Dies galt für die Lehmhütte, das Beduinen- zelt und die Paläste der Mächtigen. Von ihm allein konnten sie erwar- ten verstanden zu werden.

IMMER MITTEN DRIN. SCHOLL-LATOUR IM NAHEN OSTEN

Gerade weil er sich nie anbiederte, nie schleimte nie vorgab „einer von ihnen“ zu sein, wog seine Person schwer. Er erkannte sofort den Unsinn des Vietnamkrieges und die bodenlose Inkompetenz im „alten Europa“ und besonders in der neuen Welt, gegenüber dem Problem des ewigen Nahost-Konfliktes. Wer sonst hätte wohl 1979 als persönlicher Gast des Ayatollah Khomeini dessen Rückkehr in den Iran begleiten können? Wer hatte tiefere Einblicke in die wirklich biblischen Verwicklungen, die den arabischen Raum seit 2000 Jahren am Kochen halten?

AUF DEM SELBEN TEPPICH - SCHOLL-LATOUR, KHOMEINI

Leider - Scholl-Latours Wissen wurde wenig genutzt. Schon seine Berichterstattung zum Vietnamkrieg erregte Übelkeit in den USA aber auch auf deren Schleimspur, bei deutschen Parteibonzen. Damals gab es noch Intendanten mit Mark in den Knochen, die sich vor Scholl – Latour stellten. Klaus von Bismarck, auch wieder ein Preuße im Widerstand gegen teutsche Tumbheit, gab ihm grünes Licht: „Machen Sie weiter!“ Das ist vorbei.

UNBEQUEME BERICHTERSTATTUNG - SCHOLL-LATOUR ZUM VIETNAMKRIEG VOR ÜBER 40 JAHREN

In den letzten Jahren wurde sein Erfahrungsschatz gar gemieden. Was der alte Herr blasierten Talk – Gästen und naiven Kollegen an kräftigen Sätzen um die Ohren schlug, störte zu oft die teutsche Fernsehharmonie. Das betraf besonders seine jüngsten Kom- mentare zum Thema „Ukraine“, die einzig intelligenten, weit und breit. Manchen galt er als Einer, der vielleicht genial ist, aber einen Klaps hat. Ein Irrer, den die „Normalen“ nicht mehr verstehen. Peter Scholl – Latour – ein echtes Gaga–Ibiza – Mahnmal. Auch ein Mahnmal des verrottenden Meinungspluralismus (tolles Wort – oder?). Am Tisch eines Werner Höfer, noch vor 40 Jahren, durfte hemmungslos „gemeint“ werden.

WISSEN WOVON MAN SPRICHT - SCHOLL-LATOUR IN VIETNAM (GANZ HINTEN)

Dazu gab es Schnaps, Zigaretten und klare Worte. Es war das fruchtbare Klima in dem Journalismus a la Scholl – Latour gedeien konnte. Heute ist das Klima nicht mehr fruchtbar sondern furchtbar. Und dieses geradezu kindische Rauch und Trinkverbot im Fernsehen, ist nur ein äußeres Zeichen heutiger Verwahrlosung der Gesprächskultur. Ein ekelerregender Schleim von verlogener, politisch korrekter Gleichschaltung, verklebt all diese „kontroversen“ Talkrunden, in denen eigentlich nur noch eine hochtechnisierte, egalisierte, vollüberwachte Volksgemeinschaft gepflegt wird.

ZWEI FELSEN RAGTEN AUS DEM BRACKWASSER, JETZT NUR NOCH EINER...

Wer noch miterlebt hat, daß Men- schen sogar im Fern- sehen ihr Gehirn benutzt haben, kann schwer- lich er- tragen, was heute so als Informationsgesellschaft gilt. Unter diesem Gesichtspunkt, Herr Scholl – Latour, war das vielleicht der rechte Zeitpunkt zu gehen. Dort, wo Sie jetzt sind, finden sich wohl eher geeignete Zuhörer. Dietmar Schönherr ist ja auch gerade angekommen...